von Lea, Moritz und Gerhard

Lieber Tobi,

Du hast mich, so wie viele andere die heute hier sind, immer wieder vor schwierige Aufgaben gestellt. Du hast dein Leben mit einer Begeisterung und einem Vorwärtsdrang gelebt, die beeindruckend waren, beeindruckend und eben für uns, die wir mit dir gegangen sind, auch manchmal herausfordernd. Du hast selten Forderungen gestellt, aber dein Beispiel war oft Forderung genug, Forderung nicht stehen zu bleiben, Forderung sich nicht mit Mittelmässigem zufrieden zu geben. Oder, wie du es selbst ausgedrückt hast: 100% zu geben und nicht weniger, nicht 95% und auch nicht 99%. Sondern 100%.

Und jetzt stehen wir hier, mit der vorerst letzten Aufgabe, die du uns gegeben hast, und diese Aufgabe ist die schwerste von allen. Wir stehen hier und wollen etwas zu deinem Abschied sagen, wollen wenigstens einen kleinen Teil von dem aussprechen, was uns allen hier, deiner Familie, deinen Freunden, auf den Herzen brennt, was uns nachts nicht schlafen lässt, was uns jetzt jeden Tag begleitet.

Aber: Was kann man sagen, wenn es keine Worte gibt um zu sagen, was zu sagen wäre? Wenn Fassungslosigkeit und Trauer, vielleicht Wut und Verzweiflung sich jeden Tag mischen mit den glücklichen Gedanken an die wunderbare Zeit, die wir mit dir hatten, an die abertausend kleinen und grossen Momente, die wir mit dir erleben durften, die uns jetzt so unendlich wertvoll sind…

Dieses Wertvolle habe ich auch in vielen deiner Briefe gefunden, die ich in den letzten Tagen wieder gelesen habe. Viele deiner Äußerungen konnten mich trösten. Ich hoffe, du bist einverstanden, wenn ich manche davon mit allen hier teile.

Einer dieser wertvollen Momente ist für mich das WM-Finale vor drei Wochen. Du bist deswegen extra nach Freiburg gekommen. Dieser Besuch war – so wie du mal einen anderen Besuch in Freiburg bezeichnet hast – typisch wie unschlagbar. Denn typisch für dich war, dass du das machst, was dir wirklich wichtig ist. Das hatte Priorität. Und zu meinem großen Glück war das vor drei Wochen das WM-Finale in Deutschland, in Freiburg zu sehen. Für diesen Abend bin ich sehr dankbar. Er ist die letzte dieser wertvollen Erinnerungen und er hat mich auch an eine unserer großen gemeinsamen Erinnerungen denken lassen: das Abi. Denn 2004 wie auch 2014 lagen wir uns in den Armen und haben uns für die Größten gehalten. Mit diesen Worten hast du das damals beschrieben. Und weil du einfach so gut darin warst, Freundschaften zu pflegen, war es 10 Jahre später immer noch gleich.

Unschlagbar war unsere Freundschaft auch, weil – so hast du das gesagt – wir uns nichts beweisen müssen. Es war einfach da.
Es war klar, dass du immer da bist, wenn ich dich brauche. Du warst bei allem Wichtigen in meinem Leben zumindest durch Gespräche mit dabei. Aber es musste auch nichts Wichtiges geben, um sich zu melden oder sich zu sehen: Dir war es einfach wichtig, an meinem Leben Anteil zu nehmen, dass wir voneinander hören und wir mal wieder im Journal frühstücken gehen.

Du hast immer genau das gesagt, was du denkst.
Zum einen hast du formuliert, was dir deine Freundschaften bedeuten. Dabei warst du dir sehr im Klaren darüber, dass dein Leben mit deiner Familie, deinen Freunden und deinen Unternehmungen nicht selbstverständlich ist. Du hast gesagt: Ich hab das ja nie als gegeben genommen, sondern als Geschenk. Ich war mir meinem Glück schon immer bewusst.

Dieses Bewusstsein hat unsere Freundschaft sehr gestärkt.

Zum anderen hast du aber auch Unangenehmes angesprochen. Ich erinnere mich an eine Mail, über die ich mich zuerst geärgert habe, und unter der stand „mir war einfach wichtig, dir meine Gedanken mitzuteilen“. Aber dann haben wir darüber geredet und mir war klar, dass du mich zu 100% annimmst wie ich bin und mich nicht verurteilst, sondern du eben einfach deine Bedenken in Bezug auf eine bestimmte Sache äußern wolltest.

Durch diese Offenheit bist du zu einer stabilen Konstanten und einem Orientierungspunkt im Leben vieler deiner Freunde geworden. Wir haben uns auf deine Meinung verlassen, weil wir wussten, du hast gut darüber nachgedacht. Und eine der offenen Fragen, vor denen wir jetzt stehen, äußerte einer deiner besten Freunde: Wer liest uns denn jetzt die Leviten, wenn wir was anstellen?

Wir kannten uns eigentlich schon als unsere Mütter mit uns schwanger waren und wir kamen am selben Tag in diese Welt. Das war für uns immer etwas ganz Besonderes. Irgendwie waren wir vom ersten Tag an Freunde. Erst waren es unsere Eltern, die sich getroffen haben und uns dann einfach dabei hatten. Als wir alt genug waren, haben wir uns dann gemeinsam aufgemacht, die Welt zu entdecken. Haben am Bach Dämme gebaut, waren im Wald oder sonst irgendwo. Aber selten ohne einander.

Aber irgendwann nach Kindergarten, Schule und Gymnasium kam dann natürlich die Zeit, in der jeder seinen eigenen Weg finden und gehen musste. Wir haben uns manchmal öfter und manchmal seltener gesehen, aber es hat sich jedes Mal angefühlt, als wäre das letzte Mal erst gestern gewesen.
Ich konnte meine ganzen Gedanken vor dir ausbreiten und du hast mir oft geholfen, sie zu ordnen und zu sehen, wie gut es mir eigentlich geht, selbst wenn ich das in diesem Augenblick nicht so gesehen habe.
Du hast die wichtigen Dinge im Leben erkannt und hast mir, aber auch vielen anderen geholfen, diese Dinge auch zu sehen. Manchmal hast du uns einen möglichen Weg gezeigt, manchmal hast du uns auch auf einen besseren zurückgeführt.

Wenn ich mich mit dir getroffen hab, hatte ich hinterher immer das Gefühl, ein bisschen schlauer geworden zu sein, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten und Probleme, die mir riesig schienen, nicht so wichtig zu nehmen.

Dir konnte ich immer alles erzählen. Als wir klein waren und auch in den ganzen Jahren danach. Und das war gut so. Es hat mir oft geholfen, zu wissen, dass du immer da bist, wenn ich dich brauche. Auch wenn wir manchmal über Wochen nicht viel von einander gehört hatten.

Du hast in dieser Zeit mal geschrieben, dass wir mehr teilen als eine blosse Freundschaft. Wir teilen eine Vergangenheit, ein Leben.

Ich bin sehr froh, diese gemeinsame Vergangenheit mit dir gehabt zu haben. Du warst immer Teil meines Lebens und wirst es auch immer bleiben.

Du warst einfach immer da. Vom ersten Tag an.

Und du wirst auch immer da sein. In vielen Erinnerungen, in vielen meiner Entscheidungen, in vielen Gedanken.

Die Berge, das Klettern haben eine grosse Rolle in deinem Leben gespielt. Seit ich dich kenne, seit jetzt 15 Jahren, warst du immer in den Bergen unterwegs, beim Klettern, Skifahren, Bergsteigen.
Die Berge sind eine Umgebung in der wir Menschen sehr, sehr klein sind. In der die Natur eine unglaubliche Wucht und Gewalt hat, in der wir uns bewegen können, aber nicht die Regeln bestimmen. Und es braucht sowohl Mut als auch Demut um hier unterwegs zu sein. Wir waren uns einig, kein Berg ist es wert dafür zu sterben. Aber wir haben über die Jahre gelernt, wo für uns, ganz persönlich, die Grenzen liegen zwischen einem Risiko, dass wir nicht eingehen wollen und einem Risiko, zu dem wir trotzdem bereit sind. Wir haben zusammen gefährliche Situationen überstanden und hatten auch ein paar mal viel Glück. Aber Grenzen kann man nur erfahren, wenn man sich ihnen nähert, und nur indem wir diese Grenzen erfahren haben konnten wir an ihnen wachsen.
Wir haben niemals das Risiko an sich gesucht, was wir gesucht haben, war immer das Leben. Ein Leben, das unglaublich intensiv war. Du wolltest mehr als das normale, du wolltest, nicht immer, aber manchmal, an deine Grenzen gehen und eben dabei keine Kompromisse eingehen, 100% geben und kein bisschen weniger, nicht nur 99, sondern 100%. Du hast die Herausforderung gesucht und angenommen und das Bestehen der Herausforderung hat dir sehr viel gegeben, neben Selbstvertrauen auch immer wieder eine tiefe innere Zufriedenheit. Und ich bin mir sicher, die Gelassenheit mit der du im Leben oft an grosse Aufgaben herangegangen bist, für die dich viele Leute bewundert haben und die dich in vielen Dingen erfolgreich gemacht hat, diese Gelassenheit hatte auch mit deinen Erfahrungen in den Bergen zu tun.
Und das sind Bilder, die mir bleiben werden: nach einer langen, anstrengenden Tour auf einen abgelegenen, unwirtlichen Berg, nach vielen, vielen Stunden Klettern, bei Kälte und Wind, und immer wieder auch mit Angst, dann mit dir auf dem Gipfel zu stehen. Man muss in diesen Momenten nicht viel sagen, man schaut sich kurz an… und ich sehe jetzt noch das Feuer in deinen Augen, die Begeisterung, die Leidenschaft dafür, genau in diesem Moment genau hier zu sein, erschöpft und fertig, aber ganz einfach glücklich. Und ohne die Anstrengung, die Entbehrung, die Zweifel, die Angst wäre dieses Glück nicht so intensiv gewesen, nicht so brennend und unbedingt.

Diese Erfahrung hast du auch mit Angi geteilt, unserer gemeinsamen Freundin, die dich auch auf deiner letzten Tour begleitet hat. Eine meiner liebsten und wertvollsten Erinnerungen ist die Woche, die wir drei zusammen diesen Mai in Tromso, ganz im Norden von Norwegen, erleben durften. Wir waren alle in einer ähnlichen Lebenssituation, hatten jeder eine Trennung hinter uns, waren alle drei voller Lebenshunger und Tatendrang. Das Wetter war fast immer schlecht, aber wir haben einen Berg nach dem anderen bestiegen, mit Ski und immer über steile und anspruchsvolle Routen, und die Nachmittage und Abende sassen wir zusammen um den Ofen in Angis Wohnzimmer, direkt am Fjord, haben Kaffee getrunken und uns unterhalten. Diese Woche ist in meiner Erinnerung so etwas wie die Quintessenz des Bergsteigens und wie wir es zusammen erlebt haben: eine Mischung aus wilden Landschaften, glühender Begeisterung, dem gemeinsamen Drang unsere Grenzen zu erfahren und zu verschieben, unbedingtem gegenseitigem Vertrauen und wunderbarer Freundschaft.

Dieses Vertrauen habe ich auch in deinen Briefen gefunden. Vertrauen, aber auch Trost. Mich tröstet es, wie du dein Leben gesehen hast und wie du damit umgegangen bist. Du hast mir vor 10 Jahren, nach dem Abi, als unsere Wege sich – zumindest räumlich – für eine Weile getrennt haben, eine Kassette aufgenommen, dazu ein paar Worte geschrieben und mir einen Rat gegeben: „Lebe immer so, dass mein absolutes Lieblingszitat aus dem Buch Westwand auf dich passt: Nie wird sie dieses Leben bereuen. Nie.“
Mich tröstet es, dass du selbst genau danach gelebt hast.

Dann hast du einige Erinnerungen aus der Abizeit aufgezählt, Erinnerungen, die uns damals verbunden haben. Zu diesen Erinnerungen sind bis heute noch viele, viele mehr dazu gekommen. Ich trage sie in meinem Herzen und alle deine Freunde haben eigene Erinnerungen, die sie für immer begleiten werden. Du selbst hast damals unter deinen Brief geschrieben:

Das bleibt. Die Erinnerung. Für immer.

In den letzten beiden Wochen habe ich mir oft die Frage gestellt: wie sähe mein Leben heute aus, wenn wir uns nie begegnet wären? Und irgendwann habe ich gemerkt, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt und keine Antwort geben kann, du hast mich in den Jahren die wir zusammen hatten so tiefgreifend und nachhaltig beeinflusst, dass mein Leben heute ohne dich ganz einfach nicht vorstellbar ist. Und ich weiss, wie mir geht es vielen die heute hier sind. Wenn ich mich frage, was mein Freundeskreis wäre ohne dich, dann muss ich feststellen: einen grossen Teil meiner wichtigsten Freunde hätte ich nie getroffen.
Und indem du mit bestimmt hast, wer ich heute bin, wird auch jeder weitere Schritt den ich im Leben gehe, den wir alle hier im Leben gehen, in irgend einer Weise von dir mit beeinflusst sein.

Und doch bleibt uns jetzt nur noch, zu danken.

Zu danken, dass es dich gab, Tobi.
Für die gemeinsame Zeit, die wir mit dir hatten.
Dass du so ein besonderer Mensch und guter Freund für uns und viele hier warst und immer bleiben wirst.
Dass du uns alle mitgeprägt hast und geholfen hast, uns zu dem zu machen, was wir heute sind.

Lea, Moritz & Gerhard

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